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Donnerstag, 16. Februar 2012

2011-12-23 Am S-Bahnsteig

dem typen bin ich doch eigentlich losgeworden, denkt jaap verstegen, den hatte ich eigentlich längst abgebucht, ausgebucht, entbucht, wie sagt man auf deutsch, vergessen, abradiert, angefressen, ausradiert, losgebucht, das kann man auf deutsch im allgemeinen besser sagen, obwohl auf niederländisch fallen mir auch ein paar wörter ein, opgeladen, geboekt, entbucht te vergeten, geërodeerd, gewist, ich mochte ihn ja durchaus ganz gerne, aber es war nun mal kein geld mehr da, natürlich war es etwas ungünstig mit der jobgarantie, aber wat nicht geht, dat geht halt nicht, waren keine guten zeiten damals, die letzten personalumstrukturierungen haben aber doch etwas gebracht, hinter dieser fahrplantafel wird er mich wohl nicht entdecken, kalt ist es am bahnsteig, kalt, zugig, ha, zugige zuge, nein züge, diese umlaute, umlaute, umlaute, zehn jahre in deutschland, umlaute nerven immer noch, was haben die deutschen denn probleme mit ihrem präsidenten, grinst mir vom display entgegen, ist doch ein ganz netter, mal nbierchen wird man doch wohl mal trinken dürfen, aber bedankt, und das haus von der type, und die urlaube sind doch nun wirklich kein skandal, backsteinhäuser im norden, sticht ein bißchen im magen, aber deutsche backsteinhäuser, klobig, kleine fenster, viel zu häßlich, um heimweh auszulösen, heute ist freitag, eigentlich bin ich schon auf dem weg nach hause, hilversum, meine frau, unter ihren decken im rollstuhl, ich werde sie auf den klinkerwegen spazierenfahren, feuer im kamin, warme getränke, der seltene sportwagen in der garage, können wir auch fahren, wenn es nicht zu glatt ist, woow, zieht es am bahnsteig, ist dieser, dieser, na, Robert oder so, noch da, tatsächlich, und ich glaube er hat mich gesehen, schnell umgedreht, direkt in den fahrtwind, mußte wohl sein, damals war nunmal kein geld mehr, gespart an den ineffektiven, das sind nun mal teilzeitkräfte, im grunde genommen, keine ahnung aber, wieso sucht der nicht mal nen richtigen job, in dem alter, muß doch mal aufwachen, studium ist doch wohl auch schon länger her, muß wirklich enthusiastisch gewesen sein, architekturzeitschrift und so weiter, als ob das wichtig wäre, dass er die ganzen architekten beim namen kannte, mir sind sie doch auch gar kein begriff, aber konnte nicht mal mit einem excel spreadsheet umgehen, sogar die maus machte ihm probleme, ich hatte ihn ja ganz vergessen, vielleicht ein, zwei mal auf dem gang gegrüßt, freundlich war er, dauerte immer ein bißchen, bis mir dämmerte, wer das gewesen war, das projekt hat nun mal nichts gebracht, und woanders in unserem konzern hätte man den typen wirklich nicht gebrauchen können, bin mir ganz sicher: er hat mich grad gesehen, aber er scheint mich zu verschonen, immerhin, sagen wir, er ist höflich, sollte mich auch wirklich auf anderes konzentrieren, die neue kreditlinie ist alles andere als abgesegnet, geld soll doch eigentlich nicht mehr knapp sein, griechenland hin, portugal her, mit den gescheiterten projekten im letzten jahr ist natürlich niet gemakkelijk, sollte die präsentation noch einmal überdenken, aber hier ist es doch etwas zugig, oder zuegig, der wetterbericht auf dem bildschirm, jetzt ist er weg - achtung zugeinfahrt - sieht ja nach frühling aus, wenn ich bloss nicht den flug verpasse nach dem investormeeting, das hat die frau legaitis wieder etwas knapp kalkuliert, beschweren würde sich meine frau nie, mich bloß schweigend aus ihrem rollstuhl ansehen, in dem sie die ganze woche auf mich gewartet hat, und eine zusätzliche nacht, wenn ich den flug bloß erwische, ist dieser robert jetzt eigentlich weg, und wo bleibt die s-bahn, alle anderen linien sind doch schon dagewesen, es wird wirklich zeit, das ich nach hause komme

Mittwoch, 28. Dezember 2011

2011-12-23 S-Bahnsteig

Wieso denkt Robert an Ansgar?
Als Robert den Bahnsteig der S-Bahn erreicht, überhört er eine etwas verhärmt wirkende Mitvierzigerin über deren Sohn klagen. Offenbar hat er ein paar Probleme mit seiner Computersucht, falls es das gibt, und nach seiner Mutter auch insgesamt mit seiner Lebenseinstellung.

Wie lange ist Ansgar schon tot? 
Wie alt ist Robert seitdem geworden? Wie alt wurde Ansgar nie?

Woher kannte Robert Ansgar?
Robert war fast ein Jahr älter als Ansgar, und eher zufällig im selben Schuljahrgang gelandet. Seit seinem Tod, denkt er, habe ich noch einmal solange gelebt.

Wieso friert Robert plötzlich?
Ein Zug füllt den Bahnsteig. Es zieht. Ich habe noch einmal solange gelebt, und Ansgar nicht.


War es das wert, Robert?
Wer weiß, ob die letzten Jahre es wert waren, und Robert denkt an sein Zimmer, das er mit dem Teilzeitgehalt der Deutschen Post kaum bezahlen kann. Aber Ansgar hätte das sicher gerne für sich selbst herausgefunden.

Warum stehst Du so dumm herum?
Robert setzt sich auf die eisigkalten, vergitterten Sitzgelegenheiten, von denen gerade eine frei geworden ist. Nach Ansgars Tod träumte ihm ständig, er träfe ihn auf dem Schulhof, und im Traum stritt er sich mit ihm, über den Fahrradparkplatz, oder Ansgars Rolle als Klassensprecher. Und vor allem über seinen Computer. Wenn Robert von diesen Träumen aufwachte, dachte er einen Moment lang: er ist nicht tot, ich wußte es, wie könnte er, einen kurzen Moment lang, bevor die Wirklichkeit sein Zimmer zu füllen begann wie sich unauffällig ausbreitende, unangenehm riechende Gasmoleküle.

Gasmoleküle?
Tatsächlich ist Ansgar Klassensprecher gewesen, Robert versucht sich zu erinnern. Es muß das Jahr gewesen sein, in dem Ansgar sitzenblieb. Die Sitzbänke am S-Bahnsteig werden Robert zu kalt, er steht auf und starrt auf die Werbetafeln an der Tunnelwand. Er erinnert sich an die Witze, die er über Ansgar gemacht hat, wie alle. Alle anderen aber sind mit Angar nicht befreundet gewesen. Er erinnert sich an Ansgars Schwierigkeiten beim Laufen, die etwas mit seinem Herzfehler zu tun hatten, den ungewohnten Rhythmus der langen, hageren Beine, deren Fußenden wie verlangsamt und seltsam flach am Boden ankommen zu schienen. Er erinnert sich an die Witze über Ansgars Karrierepläne als Bundeskanzler, zu einer Zeit, in der jeder in Ansgars oder Roberts Alter nur einen, ewigen Kanzler kannte.

Und an welche Witze erinnert Robert sich mehr als an andere?
Er erinnert sich an die Witze über seine wachsende Leidenschaft für Computerspiele. Robert nannte es Sucht. Ansgar verneinte. Sie stritten sich. Robert fand, dass Ansgar verdummte. Ansgar war verärgert. Sie sprachen kaum miteinander. Robert verhöhnte Ansgar, wenn er sich ungeschickt anstellte. Ansgar zog sich in den viel zu kleinen Schülersitz zurück, er sagte nichts mehr. Seine merkwürdig langen, knochigen Finger spielten mit seinem Füller. Er zeichnete in seine Hefte, in die er niemanden blicken ließ. Sein Höhepunkt, Klassensprecher zu sein, wurde auch sein Desaster, denn er hatte schon längst begonnen, sich für nichts und vor allem niemanden in der Schule zu interessieren. Dann ist er sitzengeblieben, und Robert sah ihn nicht mehr. Sie sprachen nie wieder ein Wort miteinander.


Wie fühlt sich das an, Robert?
Schuld, denkt Robert, so fühlt sich Schuld an. Weil ihn fröstelt, wippt er auf seinen Beinen hin und her.

Werden diese Bahnhöfe überhaupt nicht beheizt? 
Als ein Freund erzählte, Ansgar sei tot, hatte der Freund gelacht: du glaubst gar nicht, wie abgefahren der gestorben ist. Robert hat auch damals als allererstes den bitteren Geschmack der Schuld im Mund gehabt. Der Freund erzählte, wie Ansgar, seit Tagen nicht in der Schule, Computer gespielt hatte, Tag und Nacht, ohne zu essen, kaum zu trinken, bis sein Herz streikte. Sein angeborener Herzfehler war tödlich gewesen.

Wieso ist das witzig, Freund?
Wie eine Struwelpetergeschichte! meinte der Schulfreund. Jetzt mischte sich ein dumpfes Trauergefühl im Magen in den Schuldgeschmack, Robert kann es jetzt noch fühlen, hier am S-Bahnsteig am Rosenheimer Platz. Robert denkt an Ansgars Mutter, die sich immer viele Sorgen wegen seines Herzens gemacht hat, und ständig davon sprach. Sie arbeitete in der Bahnhofsmission, wo Ansgar und Robert manchmal Berliner abgeholt hatten.

Werden die hier nicht Krapfen genannt?
Ihre Sorgen, am Ende, waren berechtigt. Ein paar Wochen später sah Robert sie auf der Beerdigung, klein, gekrümmt, und nicht ansprechbar.

Warum drehst Du Dich um, Robert?
Unwillkürlich dreht Robert sich nach der Mutter um, die kurz vorher über ihren Sohn geklagt hatte, als würde ein Müttervergleich ihm weiterhelfen. Aber sie ist schon verschwunden. Robert bleibt mit seiner Erinnerung allein.

Noch einmal die Frage: wie fühlt sich das an, Robert?
Sie fühlt sich an wie immer: bitter im Nachgeschmack, und dumpf in der Magengrube.

Freitag, 23. Dezember 2011

2011-12-23: S-Bahnsteig Rosenheimer Platz

                            so geht das den ganzen tag, tag und nacht, schon seit wochen, klagt die angestellte, ein roter schal, eine veraltete brille mit goldrand, eine ungepflegte und auch sonst geschmacklose dauerwelle, und scheint die unverbindliche freundlichkeit ihrer kollegin als einladung zu empfinden, ihre s-bahn gerade verpaßt, und die nächste hat verspätung, achtung – einfahrender zug schreit die videoreklame, er macht nichts, nichts, nichts, sitzt nur an seinem Computer, ich kann sagen was ich will, schreib bewerbungen, hör dich um, geh zum jobcenter, nichts, die befreundete kollegin bemüht sich verzweifelt zu verbergen, wie oft sie die geschichte schon gehört hat, vor zwei monaten hatte ich mal hoffnung, da war er beim arbeitsamt, und hat sich irgendwo angemeldet, ein kurs oder so, da haben wir bewerbungsfotos gemacht, ich habe ihm einen anzug gekauft, aber was ist passiert, bundespräsident entschuldigt sich wegen kreditkrise, als der kurs dann angefangen hat, ist er gar nicht hingegangen, worum gings in dem kurs denn, fragt die kollegin, glücklich eine passende frage gefunden zu haben, irgendwas mit bewerbungsschreiben, lebst du schon oder wohnst du wirklich, wirklich immer noch, ein einfahrender zug läßt die ausgefransten dauerwellen wippen, sie schließt wegen des luftdrucks die bitteren, blassen augen hinter der übergroßen brille, aber du tust, was du kannst, sagt die kollegin, glücklich eine tröstliche anmerkung erfunden zu haben, keine ahnung, wie das weitergehen soll, ich hoffe nur, das irgendwann das abo von seinem computerspiel platzt, geld bekommt er von mir nicht mehr, wollen sie ihre kröten nicht lieber behalten, und irgendwann ist der zuschuß von seinem vater auch aufgebraucht, zu essen geb ich ihm, sonst nichts, da hast du ganz recht, merkt die kollegin an, glücklich etwas zustimmendes sagen zu können, aber ich habs so dicke, ich weiß nicht mehr was ich tun soll, ihre müden, eigentlich recht harschen wangen fallen im sog der wieder anfahrenden s-bahn weiter ein,  und sie denkt an den notarztwagen, den sie gerade noch auf den straßenbahnschienen am rosenheimer platz hat halten sehen, der alte mann lag hilflos am boden, wer weiß, wie das weiter gehen soll, aber vielleicht gibt es auch schlimmeres